Einblicke in den Kompositionsprozess - Teil 5

Bei der Lukas-Passion haben Sie die Rezitative „als Sockel und Postament“ für die „Originalskulpturen“ selbst geschrieben. Darf man sich denn ungestraft in Bachs Komponierstübchen setzen ?

Rudolf Kelber:
Fehlende Rezitative zu ergänzen bzw. vorhandene umzuarbeiten war in der Barockzeit und auch noch für Mozart Routineangelegenheit, die man ggf. auch einem Assistenten übertragen konnte. F. X. Süßmayr hat z. B. die Rezitative zu Mozarts „Titus“ geschrieben, Telemann ließ seinen Neffen die Rezitative schreiben, er übernahm nur die letzten drei Takte vor der Arie, um den glatten Anschluss zu gewährleisten.

Man könnte ein Bach-Pasticcio wie die Lukas-Passion angesichts serieller oder mikrotonaler Musik sicherlich mit einer gewissen Berechtigung als postmodernes Werk ansehen. Welche kompositorischen Freiheiten haben Sie sich gegönnt, die Bach nicht haben konnte ?

RK:
Die Möglichkeiten, die die Gnade einer späten Geburt eröffnen, sind auch in diesem Zusammenhang nicht zu verachten: wie könnte man sonst in einem Rezitativ auf das Wort des Elias, das Lukas Jesus in den Mund legt („Es ist genug“), für vier Noten Mendelssohns Oratorium zitieren, um sich danach mit Bachs Originalchoral auf Alban Bergs Violinkonzert zu beziehen ?
Oder das Spiel mit dem frühen Bach: Vorsichtige Zitate aus dem frühen „Actus tragicus“, aber in einer Verarbeitung im reifen Leipziger Stil…